(Letzte Überarbeitung: 12.07.2003)
Bonn, 01.07.2003
Sehr geehrter Herr Bittlinger,
zunächst einmal finde ich es eine Unverschämtheit, mir in Ihrer E-Mail vom 5.6.2003 vorzuwerfen, ich würde versuchen, Sie zu beleidigen. Verdrehen Sie bitte nicht die Tatsachen: Sie beleidigen mich durch den Text Ihres Liedes, den ich beim Lesen noch viel schlimmer finde, als ich diesen beim Zuhören in Berlin wahrgenommen hatte. Es ist mir unverständlich, dass die Reaktionen auf Ihr Lied bislang auch von Betroffenen durchweg positiv waren. Vermutlich gehört eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein dazu, die allgemein im Zusammenhang mit meiner Behinderung verwendeten Begrifflichkeiten als das zu brandmarken, was sie sind: diskriminierend, beleidigend und verletzend!
Im Folgenden kommentiere ich den Text. Dabei konzentriere ich mich auf die erste Strophe:
1. Ich nehme Ihnen nicht ab, dass "Lallen" in der
psychotherapeutischen Sprachdiagnostik ein ganz normaler und wertfreier Fachbegriff
für "unverständlich reden" sei. Nennen Sie mir dafür bitte
eine Quelle!
Selbst wenn es so wäre: Wo ist bitte der Zusammenhang zwischen spastisch
gelähmten Menschen und psychotherapeutischer Sprachdiagnostik?
Vielmehr ist "Lallen" (neben der umgangssprachlichen Bezeichnung für das Reden
nach Alkoholkonsum) ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie und bezeichnet
eine Phase der Sprachentwicklung ab dem 6. Lebensmonat.
2. Ein Schwein grunzt! (Oder wollen Sie mir weis machen, "grunzen" wäre ebenso ein psychologischer Fachbegriff?)
3. Auch "sabbern(d)" ist ein eindeutig diskriminierender Begriff! Nicht diskriminierend wäre es, wenn Sie davon sprechen würden, dass eine Person seinen Speichelfluss nicht kontrollieren kann.
4. Ebensowenig kenne ich spastisch gelähmte Menschen mit einem entstellten Gesicht. Ich kenne nur Leute mit der gleichen Behinderung wie ich, die Probleme haben, ihre Gesichtsmuskulatur zu entspannen.
5. Würden Sie sich als "Gestalt" bezeichnen? Ich für meine Person nicht!
6. Zu dem Ausdruck "einer von ganz selten hellen Köpfen" hatte ich Ihnen ja schon geschrieben. Ich empfinde dies als positive Diskriminierung, die m. E. genauso schlimm ist, wie eine negative Diskriminierung. Ich bestreite ja überhaupt nicht, dass dies ein Zitat ist, nur: Sie müssen es ja nicht wiederholen!
Ich bestreite nicht den Ablauf des Fernsehspots, auf dessen Grundlage der Text entstanden ist, aber SIE beschreiben ihn! Und dies kann auf diskriminierende Weise oder in einer nicht diskriminierenden Wortwahl geschehen.
Last but not least: In Zeiten, in denen behinderten Menschen das Lebensrecht abgesprochen wird, weil sie angeblich leiden würden, bin ich ganz allergisch gegen den Satz "I am a lucky person! Ich bin ein glücklicher Mensch". Ich bin genauso glücklich und habe genauso Phasen, in denen es mir schlecht geht, wie jeder andere Mensch auch. Wenn ich betone bzw. betonen muss, dass ich glücklich bin, wird es faul.
Ich fordere Sie auf, das Lied "Vincente" nicht mehr zu singen bzw. umzutexten.
Mit freundlichen Grüßen
Martin Seidler