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Die Szenarien, die Impfexperten der Weltgesundheitsorganisation und des Robert-Koch-Instituts errechnet haben, konstruieren gefährdete und gefährdende Gruppen im Bevölkerungsganzen. 600.000 VirusträgerInnen in Deutschland, 350 Millionen weltweit gelten als enormes Bedrohungspotenzial – für diejenigen, die sich bislang nicht angesteckt haben ebenso wie für die Gesundheitsbudgets. Bei solchen Kalkulationen liegen Nebenwirkungen und Schäden, die Einzelne davonzutragen haben, "im Bereich des Erwartbaren", wie das Paul-Ehrlich-Institut verlautbaren lässt. Also können sie gegen den zukünftigen Gesamtnutzen – "die Ausrottung der Hepatitis B" – verrechnet werden.
Auch die intensive Kontrolle von Blutkonserven kann die Rate von Hepatitiserkrankungen senken, Aufklärung von Jugendlichen über Vorteile von Kondomen, die gleichzeitig ungewollte Schwangerschaften verhindern, ebenfalls. Aber die Pharmaindustrie sucht nach Märkten für neue Produkte, darunter Kombi-Impfstoffe für Säuglinge gegen bis zu sechs Erreger, "therapeutische" Vakzine gegen Tumore, Lebensmittelallergien und anderes mehr.
Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes bis zur Marktreife dauert nach Angaben der Hersteller durchschnittlich acht Jahre. Während der klinischen Erprobung werden über 50.000 Menschen geimpft, um Wirkungen und Nebenwirkungen zu testen. Die Entwicklungskosten pro Vakzin werden auf rund eine halbe Milliarde Mark geschätzt, doch den Markt erreichen letztlich nur zwei von zehn Innovationen. Die Investitionen rechnen sich besonders gut, wenn ein großer Absatzmarkt erwartet werden kann. Ein Garant dafür wäre das flächendeckende "Durchimpfen" von Neugeborenen und Jugendlichen.
In dieser unwiderlegbaren Logik wird der "Dienst an der Gemeinschaft" (Robert-Koch-Institut) gefordert und mit Kampagnen wie "Take Care" von SmithKline Beecham pädagogisch hergestellt. Diese bioethische Logik, gepaart mit Versprechungen und Interessen der Pharmalobby, lässt keinen Raum für wirkliche Aufklärung und individuelle Entscheidung.
© ERIKA FEYERABEND, 1999
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